Zur Artikelauswahl

Der Naturkindergarten: Die Naturerlebnisräume

Die Idee, Planung und Entwicklung einer Lernwerkstatt „Naturerlebnisräume“ gestaltete und gestaltet sich in unserem Kindergarten nicht in Form von Umsetzung und Ausführung eines einmal skizzierten Theoriekonzepts oder fertigen Planes, sondern stellt einen kontinuierlichen, langjährigen und veränderlichen Prozess des Wachsens und Veränderns der Lernwerkstatt da – unter Beteiligung der Kinder, Pädagogen, Praktikanten, Eltern, des Trägers und eines von Mitarbeitern und Eltern gemeinsam konzipierten Fördervereins.

Lernwerkstatt „Naturerlebnisräume“ im Sinne unseres Kindergartens meint:
Kinder sind Meisterforscher im Sinne von Entdecker, Experimentierer, Baumeister und Beobachter in der Natur – Erwachsene, Erzieherinnen, Eltern, usw. sind ihre Gesellen, Lehrlinge, Berater und Begleiter. Kinder betreiben eine unmittelbare, mit allen Sinnen „wilde Forschung“. Ihr Forschen ergreift vielfältige Gelegenheiten, Anlässe und Möglichkeiten, die ihnen brauchbar erscheinen. Der Erwachsene bleibt dabei weitestgehend im Hintergrund – sorgt für Rahmenbedingungen.

Lernwerkstatt „Naturerlebnisräume“ also kein Ort vordergründig dazu geschaffen Kindern etwas über die Natur oder über „objektive“ Naturwissenschaft, formales Wissen, gar Gesetzmäßigkeiten beizubringen - vielmehr ein Ort des selbstbestimmten spielerischen Forschens über Phänomene, Prozesse und Abläufe der Natur - in der Natur. Es geht somit um Unterstützung und Förderung der Selbstbildungsprozesse des Kindes. Für ihre Begleiter gleichsam über Handlungs- und Denkbewegungen der Kinder im Bereich des Natur- wissens/ be-greifens und deren pädagogischer Unterstützung, und über erforderliche Rahmenbedingungen immer wieder neu nachzudenken – ebenso zu forschen.

Lernwerkstatt auch kein „zurück zur Natur“, keine nostalgische Rückschau oder naturromantische Verklärung von geschichtlich vergangenen Lebens- und Spielverhältnissen - wohl aber beeinflusst von Erinnerungen einiger Mitarbeiter des Kindergartens an eigene Spielorte im Wald und in der Natur, im Garten der Eltern, im nahen Wohnumfeld, Entdeckungen und Erlebnisse aus eigener Kindheit, die Ideen und Perspektiven für die Arbeit bereitstellen.

Die Überflutung mit „fertigen“ industriell gefertigten Spielmaterialien, die eine ganz bestimmte Handhabung erfordern, führt bei Kindern häufig dazu, dass sie veränderte Verwendungsmöglichkeiten von „Hausspielzeugen“ gar nicht herauszufinden versuchen, sondern sie nur noch in ihrem vorgesehenen und damit in einem eingeschränkten Verwendungszusammenhang wahrnehmen.

So sind Kinder heute oft „eingeschränkt“ spielfähig, d. h. das Kind entscheidet nicht mehr selbst, wie und was es spielt, sondern es lässt sich von der Funktionalität der Spielgeräte lenken. Es macht sich die Geräte nicht mehr passend, indem es ihnen eine eigene Bedeutung gibt, sondern es passt sich dem von Herstellern vorgesehenen Zweck an.

Besonders der Wald in seinen unterschiedlichsten Erscheinungsformen: ob Niederwald, Hochwald, Laub- oder Nadelwald, Buschwerk mit Waldstreu, Totholz, trockener Äste, Tannennadeln, Zapfen, Moos, Blättern, Baumpilzen, verschiedenen Formen und Größen von Steinen, Kleinlebewesen und vielem mehr, bieten ein Spielortparadies mit nahezu unerschöpflichen Möglichkeiten. Neugier und Tatendrang der Kinder sind an einer kontinuierlichen Verarbeitung, Veränderung und Umgestaltung der „Naturgegenstände“ interessiert. Um neugierig zu bleiben, oder zu werden, brauchen Kinder (und nicht nur Kinder) die Freiheit, Zeit und Raum (auch unbeobachteten) selbstbestimmt zu gestalten. Gerade die nichtkalkulierten, überraschenden und noch zu entdeckenden Bedingungen im Naturraum provozieren neugieriges Handeln und Be – greifen. So machen Kinder nachhaltige Erfahrungen im „Be – greifen“, und entdecken dabei „automatisch“, intuitiv naturwissenschaftliche Zusammenhänge und Bedeutungen. Zur Ausbildung und Entwicklung eines Natur- und Umweltbewusstseins im späteren Erwachsenenalter, ist eine affektiv - emotionale Beziehung zur Natur in frühen Jahren des Lebens eine wesentliche Bedingung.

Die Verwendung von Gegenständen aus der Natur lässt Kinder kreative und zweckentfremdete Einsatzmöglichkeiten erkennen. So erfahren sie z. B., wie auch scheinbar eindeutige Dinge wie ein Stock oder ein Tannenzapfen, im Spiel eine neue Bedeutung erlangen können. Eine Buchecker wird zur Zwergenkratzbürste, ein Fichtenzapfen zur Bratwurst und ein Baumstumpf je nach persönlicher Bedeutung zur Zwergenschlafstelle, zum Stuhl, Tisch, zur Hobelbank, etc. Spielwert und Sinn/ Bedeutung dieser Naturmaterialien müssen von Kindern erst entdeckt und durch aktives Handeln erschaffen werden. Dabei können Impulse durch den Erwachsenen unterstützend hilfreich sein, um Kindern den Anstoß für eine erweiterte Sicht der Verwendungsmöglichkeiten von Naturmaterialien zu geben. Der Wald als natürlicher Lebensraum ermöglicht für die gesamte kindliche Entwicklung förderliche Erfahrungen, die in vergleichbarer Form und Vielfalt kaum in einem anderen Umfeld gemacht werden können. Sie bilden Basis und „Sinn – Haften“ Erfahrungsschatz für alle späteren Lernprozesse – bis hin zu wissenschaftlichem Begreifen, Denken und Arbeiten:

  • Der Wald wird in der kindlichen Erlebniswelt als Spielplatz entdeckt.
  • Dem Forscherdrang des Kindes sind nur "natürliche" Grenzen gesetzt; keine Beschneidung durch zu enge Räume, oft zu kleine Außengelände, schon fertige Spielgeräte ...
  • Kinder werden angeregt Vorgänge in der Natur spontan oder systematisch zu beobachten.
  • Kinder wählen ihr „Lernthema“ selbst und bestimmen ein eigenes Lerntempo
  • Das Spiel in freier Natur lässt Kindern selbst ihre Möglichkeiten, Grenzen und Entwicklungsfortschritte erfahren.
  • Kinder werden zu Bauten und „neuartigen“ Kunstwerken herausgefordert.
  • Die Phantasie und Kreativität der Kinder werden durch die Vielfältigkeit der Natur des Waldes angeregt und gefördert. Einfache Gegenstände bieten den Kindern die verschiedensten Spielmöglichkeiten im Gegensatz zu „vorgefertigten“ Spielzeugen.
  • Stille ist in der heutigen Zeit ungewohnt. Sie ist von unschätzbarem Wert, z. B. für die allgemeine Differenzierung des Wahrnehmungsvermögens, das Finden von Stabilität durch innere Ruhe, und für die Förderung der Konzentrationsfähigkeit. Gerade der Wald ist ideal, Stille zu erleben, zu lauschen und sich für feinste innere und äußere Vorgänge zu sensibilisieren, da es keine „Lärmbelästigung“ wie in geschlossenen Räumen gibt.
  • Der Kreislauf der Natur wird direkt wahrgenommen und erlebt (kein Wissen aus zweiter Hand, z.B. Bilderbücher, Lehrfilme).
  • Der Wald fordert Kinder heraus, alle ihre Sinne einzusetzen. Der Wald bietet Kindern Raum um sich frei zu bewegen: Laufen, Springen, Hüpfen, Klettern, Rutschen, Balancieren, usw. Der natürliche Bewegungsdrang der Kinder kann ungehindert ausgelebt werden. Kinder entdecken Interessantes und Schönes, das sie zum Teil mit in die Einrichtung nehmen können (für kreatives Gestalten, zum Hantieren, Sammeln, Vergleichen, Zuordnen...).
  • Die Kinder erleben, dass sie als Gruppe mehr aufeinander angewiesen sind als im Schonraum Kindergarten. Der Wald bietet vielfältige Anlässe mit anderen Kindern zu kooperieren (z. B. Tragen eines schweren Baumstammes, Kooperation beim „Häuserbau“, usw.)
  • Kinder erfahren die Natur in all ihren Varianten und lernen rücksichtsvollen Umgang mit Pflanzen und Tieren.
  • Entwicklung von Wertehaltungen im Zusammenhang mit Natur- und Umwelterleben

Umsetzung und Praxis wesentlicher Bestandteile und Leitideen zur Lernwerkstatt sind im Tagesablauf eingebettet und werden sowohl in dem dafür geschaffenen integrierten Wald – Naturkindergarten, als auch in weiteren nachhaltigen „Projekten“ des Kindergartens mit Inhalten gefüllt. Im Laufe der Jahre entwickelten sich so „Projekte“ die im erweiterten Sinn eine große Nähe zu „naturhaften“ Abläufen, Prozessen und Phänomenen haben:

  • Außengelände mit Gewächshaus, Freibeeten, Kräuterecke und naturbelassenen Nischen
  • Backhaus mit Holzbackofen nach „altdeutschem“ Bauprinzip mobiles Hühnerhaus mit Hahn und Hennen Bienenvölker

Im Außengelände des Kindergartens wurden von Kindern entdeckte „wilde“ Spielecken, Nischen und Schlupflöcher in Baum/ Buschbereichen naturbelassen. Sie bieten intime Spielmöglichkeiten auch ohne erzieherischen „Aufsichtspflichtblickkontakt“.

An ausgewählten Stellen im Spielgelände wurden Obststräucher wie Johannisbeere und Himbeere angepflanzt. Für den Aufbau einer Streuobstwiese kamen heimische Obstbaumsorten hinzu: Äpfel-, Birnen-, Süßkirschen- und Pflaumen-/ Zwetschgenbäume. Das Nahrungs- und Genussmittel Obst – für Kinder beim Spielen im Außengelände „nebenbei“ erfahrbar, wächst für sie nicht im Auslagenregal eines Supermarktes, sonder auf Sträuchern und Bäumen.

Nach oben